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Der letzte Nebelwolf

Lasst euch eine Geschichte erzählen, die vor langer Zeit begann – zu einer Zeit, als selbst die Götter noch jung waren und die Menschen, Elfen und Dämonen wie ein weit entfernter Traum wirkten. Die Geschichte der majestätischen Nebelwölfe … Weiter unten habt ihr die Möglichkeit euch die Geschichte als „In-Time“ aufgearbeitetes Download zu sichern.

Der letzte Nebelwolf

Lasst euch eine Geschichte erzählen, die vor langer Zeit begann – zu einer Zeit, als selbst die Götter noch jung waren und die Menschen, Elfen und Dämonen wie ein weit entfernter Traum wirkten. In dieser Zeit, da die Kinder H’ekatees endlich wandelten und wirkten, begab es sich, dass die ersten Wesen aus ihrem Schlaf erwachten, um den Platz einzunehmen, den die große Mutter ihnen zugewiesen hatte. Viele Wesen der ersten Stunde waren darunter! Neben den Kindern H’ekatees, den großen Sieben und ihren Völkern, erwachten auch die Nebelwölfe. Sie waren ungezügelt und wild, majestätisch und schön. Zunächst waren sie reine Einzelgänger, gefährliche Jäger, die keine andere Herrschaft über ihr Gebiet zuließen als ihre Eigene. Doch mit der Zeit näherten sich die verschiedenen Nebelwölfe untereinander an und begannen Freude an Gesellschaft zu entwickeln. Es dauerte nicht lange und die ersten Rudel hatten sich gebildet. Diese Familien waren durchzogen von tiefer Verbundenheit und unerschütterlicher Loyalität zueinander.

 

Zu dieser Zeit begab es sich, dass Mentron – der noch immer ohne Aufgabe verweilte, da er lange vor seiner Zeit erwacht war – seinen Spaß und eine gewisse Kurzweil dabei empfand, die Rudel gegeneinander aufzuwiegeln. Er flüsterte den machtvollen Alphas vor Gift triefende süße Worte in die Ohren und nutzte ihren starken Drang nach uneingeschränkter Kontrolle und Herrschaft, um Rivalitäten zwischen den Nebelwolffamilien zu entfachen, die letztendlich in bestialischen und blutigen Konfrontationen endeten. Viele Jahre gingen ins Land, doch wurde der Gott der Emotionen seines Spieles nicht überdrüssig und so waren nur noch zwei Rudel der ach so majestätischen Nebelwölfe übrig geblieben.

 

Das eine wurde angeführt von Brennzorn und seiner Gemahlin Schimmafell – das andere von Nassamay und seiner Gefährtin Lauawind. Nassamays Rudel war das Einzige, das Mentrons Worten kein Gehör schenken wollte und wurde somit das erklärte Ziel des launischen Gottes. Brennzorn hingegen war der Überzeugung, dass Mentron der beste Freund seines Rudels war und er schenkte allen Worten Glauben und handelte stets danach dem Rat seines vertrauenswürdigen Beraters folgend. Nicht einmal die warnenden Worte seiner Gemahlin Schimmafell drangen zu ihm durch, die weise genug war, die List und Absicht zu erkennen, die hinter Mentrons süßen Worten und eindringlichen Warnungen verborgen lag.

 

Eines Tages hüllte sich Mentron in die Gestalt von Brennzorn und schritt majestätischen Schrittes in das nächtliche Lager seiner Gemahlin. Diese zunächst verunsichert durch den fremd anmutenden Geruch ihres Gemahlen sprach: „Wer bist Du und was willst Du hier?“ Doch Mentron war nicht umsonst ein Gott! Gebieterisch und den Geist Schimmafells umgarnend erwiderte er: “Bist Du blind, oh Du meine auserwählte Gemahlin, dass Du den Deinen, den Träger Deines Herzens nicht erkennst oder hat Dich die gestrige Jagd so erschöpft, dass Du noch immer vom Trieb gesteuert Schatten hinter jedem Baum siehst?“ Verunsichert schüttelte die Wolfsdame ihre Zweifel ab und erlaubte es ihrem Gemahl sich zu ihr zu legen. Kurz bevor Schimmafell einschlief, hörte sie den Wind etwas flüstern, eine Warnung Fewalues der sie jedoch keinen Glauben schenkte. So schlief Schimmafell, die schönste unter den Nebelwölfen zum letzten Mal ein, denn alsbald sie sich dem Schlaf hingegeben hatte, bohrte Mentron seine gigantischen Fänge in ihren Hals und brach ihr mit einem festen Ruck das Genick. Brennzorn, der in der Nähe nächtigte und sich seinen immer düster werdenden Gedanken hingab, spürte einen Stich im Herzen, als seine Gemahlin ihren letzten Atemzug getan hatte und eilte in Windeseile zu ihrem Schlafplatz. Dort angekommen sah er nur noch den Schatten Mentrons der die Gestalt des machtvollen Nassamay angenommen hatte. Blind vor Trauer und Wut heulte Brennzorn, wie er noch nie zuvor geheult hatte und sammelte sein Rudel, um sogleich den Angriff auf Nassamay und den seinen zu beginnen. 

 

Sie liefen zwei Tage und zwei Nächte, bevor sie im Morgengrauen des dritten Tages Nassamay und sein Rudel auf einer Lichtung im Wald antrafen. Nassamay betrachtete seinen Bruder und sprach mit fragender Stimme: „Was ist es, das Dich zu mir führt Bruder?“ Doch Brennzorn, nach wie vor im Blutrausch und voller Trauer im Herzen sprang mit einem großen Satz über Nassamay hinweg und landete neben seiner Gefährtin. Lauawind duckte sich weg und versuchte zu entkommen doch Brennzorn vergrub sogleich seinen Fang in ihren Hals und riss ihr die Kehle heraus. Der Kampf, der daraufhin entbrannte, dauerte mehrere Stunden, ja sogar Tage, in denen selbst die Umgebung den Atmen anhielt, um nichts vom Geschehen zu versäumen.

 

Am Ende waren nur noch zwei Nebelwölfe übrig: Nassamay und Brennzorn. Beide, am Ende ihrer Kräfte angelangt, umkreisten einander – lauernd und wartend, dass der andere einen Fehler macht. Und so war es Brennzorn, der für einen Augenblick seine Umgebung nicht im Auge behalten hatte und kurz einknickte, als seine Pfote in einem Loch auf der Wiese versank. Nassamay nutzte diese kurze Verunsicherung, sprang auf seinen Gegner, begrub ihn unter sich und zermalmte seinen Schädel zwischen seinen Kiefern.

 

Es war ruhig zu jener Stunde. Dem Ende nahe legte Nassamay sich nieder, seine Muskeln brannten und seine Lunge fühlte sich an wie von flüssigem Glühgestein gefüllt. Er schloss die Augen und Trauer übermannte ihn. Er war allein – der letzte seiner Art, der letzte Nebelwolf.

 

Von den vielen, die das Geschehen beobachtet hatten, war es Mentron der als erstes den Schauplatz dieser unglückseligen Begegnung verließ. Sobald er verschwunden war, betrat eine seltsame Gestalt die Lichtung, ihre Haut war bronzefarben und ihr Haar mutete wie schillernde Kastanien an. Aus ihrem Kleid, welches aus goldenem Licht gewebt war, ragten zwei Flügel am Rücken empor. Sie ließ sich neben Nassamay ins Gras sinken und legte die zarte Hand auf die Stirn des Nebelwolfes: „Komm mit mir tapferer Krieger“ läutete ihre Stimme glockenhell durch die Stille, der Zeitenhof soll Deine neue Heimat  und wir Feen sollen Deine neue Familie sein. Du wirst uns beschützen, denn wir brauchen Dich. In unserer Welt sollst Du fernab der grausamen Erinnerung an das, was war leben. Wir wollen uns um Dich kümmern wie um einen der unseren und zu keiner Zeit sollst Du jemandes Untertan sein.“ Der majestätische Wolf öffnete die Augen und betrachtete die Konturen seiner Gefährtin in der untergehenden Sonne, dann erhob er sich und verschwand mit der Fee, die keine geringere war als die große Altvordere aller Feen – Königin Aj, ins Zwielicht.

 

Als die Nacht endgültig angebrochen war, tauchte ein Schatten auf der Lichtung auf. Wo er entlangschritt, verdorrte das Land unter seinen Füßen, was er berührte, zerfiel und gab sich der endgültigen Berührung des Todes dahin. Oropher blickte die Kadaver der Nebelwölfe an und Trauer legte sich bleiern um sein Herz. Er wusste, dass dieses Ende nicht jenes war, dass seine Mutter für sie vorgesehen hatte, denn von allen Kindern H’ekatees war es nur ihm gegeben, ihren Plan zu erkennen. Er ließ alle Nebelwölfe verschwinden bis auf Lauawind. Neben ihr angekommen, beugte er sich herunter und hauchte ihr neues Leben ein. Doch sie erwachte nicht! Betrübt darüber rief Oropher seinen Bruder Lavok herbei und zusammen ließen sie Lauawind in einen langen, jedoch nicht ewigen Schlaf fallen und versteckten sie tief unter der Erde auf einer Lichtung in einem Kreis von Bäumen umgeben mit dem Versprechen, dass nur jemand, der sie finden will – aber nicht weiß, dass er sie finden kann – ihr den Schlaf vertreiben soll.

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